Leichter Nieselregen. Klamme Kälte einer Juninacht.

Ich hatte gerade die Flanke meines Lebens quer über den Zeltplatz in die Männertoilette geschlagen, als mir ein seichtes Gefühl in der Magengegend ein Großereignis versprach.

Die Nacht riss auf. Sturm peitschte urplötzlich die Zeltplanen. Schrille Schreie entsetzter junger Menschen. Regentropfen wie Gewehrkugeln und aus dem Dunkel trat ein Mensch in den fahlen Schein der Windlichter.
Gut einen Kopf größer als ich, hager bis dürr mit einer seltsamen Rücklage beim Laufen. Eine Nase wie ein Pflugschar zerteilte die rote Mähne. Wie eine Kogge bei starkem Wind kam er über den Rasen auf mich zu. Blieb stehen. Augen wie glühende Kohlen fixierten mich.

„Bischde honnnndovaaaar?“

Mir war klar. DAS ist was Großes. Was richtig, verdammt Großes.

„Ja was ist denn hondovar?“

Fanatisches Leuchten umfing seine Augen.

„Hondovar isch alles und alles isch hondovar!“

Da wusste ich es. Das ist ein Visionär. Der Mann braucht ein Bier!
Ich drehte mich um, griff in den Kasten Faust Kräusen und wollte ihm eine Flasche anbieten.

Er war nicht mehr da. Wie vom Erdboden verschluckt. Leichter Ozongeruch lag über dem allgegenwärtigen Zeltplatz-Duft. Der Sturm hatte sich so plötzlich gelegt wie er aufgekommen war. Die Wolken am Nachthimmel verzogen sich. Das Profane kehrte zurück. Was blieb ist diese eine Frage:

„Seid ihr hondovar?“